Bedarfsgerechte Trinkwasserversorgung – Ein zukunftsweisender Ansatz zur Ressourceneffizienz
Stellen Sie sich vor, Ihre Kommune teilt Ihnen mit, dass nach einer zurückliegenden Verkeimung im Trinkwasser saniert werden müsse. Und dabei der Wasserpreis um 200 % steigt – vorläufig. Kurbelt das nicht auch Ihre Fantasie an, wenn Sie nicht selbst bereits derartiges erlebt oder gehört haben? Wie konnte es so weit kommen, und sind die in Aussicht gestellten Investitionen wirklich gerechtfertigt?
Und vor allem: wünschen Sie sich nicht die Sicherheit, dass die anstehenden Sanierungen, die sicherlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen werden, bedarfsgerecht genau dem entsprechen, was in der Versorgungsstruktur in den kommenden Jahrzehnten benötigt wird?
Genau hier setzt der Begriff der „bedarfsgerechten Trinkwasserversorgung“ an – ein smarter Ansatz, der sicherstellt, dass Trinkwasser sparsam und nachhaltig technisch so bereitgestellt wird, wie es wirklich gebraucht wird. Das schont nicht nur die natürlichen Ressourcen, sondern entlastet auch spürbar die Kasse des gebührenfinanzierten Systems. Besonders in Zeiten des Klimawandels ist die Verknappung des Dargebotes an geeignetem Grundwasser ein Thema für uns alle!
Die Trinkwasserversorgung ist Lebengrundlage und gleichzeitig hoheitliche Aufgabe der Kommunen in der Daseinsvorsorge. Damit das Wasser, wie bisher gewohnt, aus dem Hahn jederzeit sauber und sicher ist, gibt es klare Richtlinien des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Diese technischen Regelwerke – wie die DIN EN 806-Serie oder das Arbeitsblatt W 551 – sind Wegweiser für die Planung, den Bau und den Betrieb von Trinkwasseranlagen. Sie sorgen dafür, dass die Qualität der Trinkwasserversorgung den gesetzlichen Standards entspricht und nach dem Prinzip von Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit errichtet und betrieben wird.
So stellt sich heute z. B. mehr denn je auch die Frage, ob der flächige Einsatz von hochwertig aufbereitetem Trinkwasser in allen Anwendungen zeitgemäß und effizient ist. Die Bereitstellung und Aufbereitung von Trinkwasser in höchster Qualität ist technisch und energetisch aufwendig. Hier ergibt sich die Chance, Alternativen wie Brauchwasser oder Regenwasser in spezifischen Anwendungsfällen sinnvoll zu berücksichtigen, vorzugsweise bei neuen Quartieren oder in Gewerbegebieten. Auch Satzungsänderungen mit der Verpflichtung zur Regenwassernutzung zu Bewässerungszwecken im Garten tragen hier bereits zur Trinkwassersubstitution bei.
Die Kernaufgabe ist hingegen eine planerische, ingenieurtechnische: Die bedarfsgerechte technische Auslegung der Anlagen, vom Brunnen bis zur Netzversorgungsleitung, und das nach Möglichkeit über die zu erwartende Lebensdauer der Systeme – mithin mindestens 50 Jahre.
Somit kommt der Begrifflichkeit des „Bedarfs“ besondere Bedeutung zu:
Die Trinkwasserversorgung wurde von Kommunen bislang kaum bedarfsorientiert ausgelegt, zumal i. d. R. der Bedarf selbst nicht kritisch analysiert wird. Stattdessen basieren die Analysen hauptsächlich auf dem zurückliegenden Wasseraufkommen, das sich aus tatsächlichen Verbräuchen und Verlusten zusammensetzen. Der Bedarf hingegen ist eine Planungsgröße, die sich auf zukünftige Anforderungen bezieht. Bei der Bedarfsanalyse spielen statistische Daten, wie Einwohnerzahlen unter demografischer Entwicklung, der durchschnittliche Tagesbedarf pro Einwohner, Verbrauchswerte aus Gewerbe, Industrie und öffentlicher Nutzung sowie konkrete Angaben wie Flächennutzungspläne eine zentrale Rolle. Grundlage für diese Berechnungen bilden nationale und europäische Vorschriften, wie beispielsweise die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) und die einschlägigen Normen, darunter die DIN 1988. Neu ist der Einsatz von Arbeitshilfen etwa zur Abschätzung des Klimawandels bzw. dessen vielfältigen Einflusses auf z. B. das Verbrauchsverhalten im Satzungsgebiet. Diese Regelwerke definieren verbindliche Vorgaben für die Qualität, Versorgung und Sicherheit des Trinkwassers und gewährleisten eine zuverlässige Dimensionierung sowie Planung der Versorgungsinfrastruktur. Ziel ist es u.a., ausreichend Wasser in einwandfreier Qualität bereitzustellen, gleichzeitig aber auch wirtschaftliche und betriebliche Aspekte zu berücksichtigen, etwa durch Vermeidung von Überdimensionierungen im Leitungsnetz.
Durch das Einfließen der Analyse von Trends lassen sich z. B. Spitzenbedarfe für Tages- und Stundenverläufe prognostizieren, was eine wichtige Grundlage für die Planung der Wasserversorgung in den kommenden Jahrzehnten darstellt, während zugleich Stagnationen mit der Folge von Qualitätsbeeinträchtigungen vermieden werden sollen – ein schwieriger Spagat. Zudem können alternative Wasserressourcen wie Brauchwasser oder Regenwasser in spezifischen Anwendungsfällen sinnvoll genutzt werden, beispielsweise für die Toilettenspülung oder Bewässerung von Grünanlagen, in kleineren Versorgungsstrukturen auch in dezentralen Brandlöschbehältern. Solche Überlegungen sind bereits Teil einer Strategie, die auch unter anderem als Schwammstadt bekannt ist.
Eine bedarfsgerechte Trinkwasserversorgung bedeutet somit nicht nur eine effiziente Nutzung der Ressourcen, sondern auch mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an sich rasant ändernde Bedingungen. Es ist ein zukunftsweisender Ansatz, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern und einen nachhaltigen Umgang mit unseren kostbaren Trinkwasserressourcen zu gewährleisten. Gleichzeitig wird so sichergestellt, dass Trinkwasser als Existenzgrundlage der Bevölkerung heute und morgen bezahlbar bleibt.
Die Bedeutung der bedarfsgerechten Ausrichtung kann am besten daran ablesen, dass die Genehmigungsbehörden Länder teilweise die Vergabe von Entnahmegenehmigungen für Grundwasser oder auch die Zuteilung von Fördermitteln für Sanierung an die Wasserbedarfsabschätzung gekoppelt haben.
Wir als Experten der kommunalen Trinkwasserversorgungswirtschaft setzen uns dafür ein, dass dieser Ansatz in der Planung und Umsetzung von Trinkwasserversorgungsprojekten ausnahmslos berücksichtigt wird, was auch den Forderungen des Gesetzgebers entspricht.
Fachplanungen ohne bedarfsgerechte Ausrichtung sind mithin nicht mehr darstellbar, und stellen einen fahrlässigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und den finanziellen Mitteln dar, evtl. zu Lasten kommender Generationen.
Denn nur durch eine ganzheitliche Betrachtung und zukunftsorientierte Maßnahmen können wir eine bedarfsgerechte Trinkwasserversorgung für kommende Generationen gewährleisten.
Beispiele aus bayerischen Kommunen und bewährte Praktiken
Ein bemerkenswertes Beispiel bietet die Gemeinde Garching bei München. Durch die Implementierung moderner Grauwassersysteme in Neubauprojekten wird Abwasser aus Duschen oder Waschbecken aufbereitet und beispielsweise für Toilettenspülungen verwendet. Dies reduziert den Trinkwasserverbrauch erheblich.
Auch die Nutzung lokaler Quellen spielt eine bedeutende Rolle. Die Region Oberfranken zeigt mit mehreren kleinen Gemeinden, wie durch die Wiederbelebung und Pflege bisher ungenutzter Quellen nicht nur die Abhängigkeit von überregionalen Wasserversorgern verringert wird, sondern auch regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden können.
Diese Beispiele zeigen, dass nachhaltige Wassernutzung in Bayern nicht nur möglich, sondern auch praktikabel und zukunftsweisend ist. Durch gezielte Förderung und Umsetzung von innovativen Projekten können auch andere Kommunen von diesen Erfahrungen profitieren und dazu beitragen, einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Trinkwasserressourcen zu fördern.
Trinkwasserbedarf neu gedacht – Potentiale alternativer Wassernutzung
Die Analysen des Trinkwasserverbrauchs zeigen deutlich, dass nur ein Bruchteil des bereitgestellten Trinkwassers für Anwendungen benötigt wird, bei denen tatsächlich Trinkwasserqualität erforderlich ist.
Beispiele hierfür sind die Nahrungszubereitung, das Trinken selbst oder hygienische Anwendungen wie das Zähneputzen. Jedoch wird ein erheblicher Anteil des Trinkwassers auch für Anwendungen genutzt, die keine so hohe Wasserqualität erfordern. Dazu gehören insbesondere:
Toilettenspülungen
Hier wird täglich eine erhebliche Menge Trinkwasser verwendet, obwohl keine Trinkwasserqualität notwendig ist.
Gartenbewässerung
Regenwasser, das kostenfrei verfügbar ist, könnte hier problemlos als Alternative eingesetzt werden.
Industrielle Prozesse und Kühlung
Viele industrielle Anwendungen benötigen lediglich Brauchwasser, dessen Qualität durch geeignete technische Lösungen auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Anwendung angepasst werden kann.
Reinigung von Außenbereichen
Für Aufgaben wie das Reinigen von Gehwegen, Einfahrten oder Fassaden wird häufig Trinkwasser verwendet, obwohl dies nicht erforderlich wäre. Alternativ könnten Brauchwasser oder aufbereitetes Regenwasser genutzt werden, um sowohl Kosten zu senken als auch wertvolle Trinkwasserressourcen zu schonen.
Vorausschauende Abwehr von anthropogenen (menschengemachten) Grundwasserbelastungen
Eine der zentralen Herausforderungen im Bereich des Grundwasserschutzes ist die Vermeidung von Kontaminationen durch anthropogene Stoffe wie PFAS (per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). Diese langlebigen Chemikalien, die unter anderem in Industrieprodukten wie wasserabweisenden Beschichtungen und Feuerlöschmitteln verwendet werden, können das Trinkwasser langfristig belasten. Die Einhaltung der Vorgaben der Trinkwassereinzugsgebieteverordnung spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Durch gezielte Schutzzonen, regelmäßige Überwachung und strenge Vorgaben zur Nutzung und Entsorgung potenzieller Schadstoffe können Kontaminationen frühzeitig verhindert und eine nachhaltige Trinkwasserversorgung sichergestellt werden.
Regenwassernutzung – Eine unterschätzte Ressource
Die Nutzung von Regenwasser bietet eine Vielzahl von Vorteilen, die über die reine Einsparung von Trinkwasser hinausgehen. Regenwassernutzungsanlagen können kosteneffizient installiert werden und entlasten gleichzeitig das Entwässerungssystem – ein doppelter Gewinn. Ein Beispiel hierfür ist das System Regenwasser Plus, das sowohl in Haushalten als auch in gewerblichen Einrichtungen problemlos integriert werden kann. Es erlaubt, Regenwasser für Gartenbewässerung, Waschen von Fahrzeugen oder für die WC-Spülung aufzubereiten.
Synergien zwischen Standards und neuen Ansätzen schaffen
Um eine nachhaltigere Wasserwirtschaft umzusetzen, ist jedoch ein Umdenken bei der Planung und Umsetzung von Trinkwassersystemen notwendig. Die bisherigen DVGW-Regelwerke bauen auf der Gewährleistung von Trinkwasserqualität nach den Vorgaben der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) auf, und dies bleibt auch weiterhin unerlässlich. Ergänzend dazu sind jedoch Lösungen zu fördern, die die Integration von Brauchwasser- und Regenwasserkreisläufen ermöglichen.
Ein Beispiel ist der „Hybrid-Ansatz“, bei dem zentrale Trinkwasserversorgung mit dezentralen Wassernutzungssystemen kombiniert wird.
Zukünftige Implikationen und Ziele im Kontext des Klimawandels
Die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels stellen neue Herausforderungen und Anforderungen an die Wasserversorgung dar. Lange Trockenperioden, intensivere Niederschlagsereignisse und die Veränderung des Wasserhaushalts erfordern Anpassungsstrategien, um eine stabile und zuverlässige Versorgung sicherzustellen. Zukünftig gilt es, widerstandsfähige Systeme zu entwickeln, die sowohl den steigenden Wasserbedarf als auch die wachsenden klimatischen Belastungen bewältigen können.
Zu den wesentlichen Zielen gehört die Förderung einer integrierten Wasserbewirtschaftung, die auf die effiziente Nutzung aller verfügbaren Wasserressourcen abzielt. Dies umfasst die Verbesserung der Speicherung von Regenwasser, den Ausbau intelligenter Verteilungssysteme und die Umsetzung innovativer Technologiekonzepte, die den Wasserverbrauch reduzieren und Verluste minimieren. Darüber hinaus sind Bildungs- und Informationskampagnen essenziell, um die Gesellschaft für einen nachhaltigeren Umgang mit Wasser und die Herausforderungen des Klimawandels zu sensibilisieren.
Unter dem Einfluss des Klimawandels wird eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich, um Lösungen zu entwickeln, die ökologisch tragfähig, sozial gerecht und wirtschaftlich realisierbar sind. Die synergetische Verbindung von Forschung, Technologie und Politik ist hierbei eine Schlüsselkomponente, um langfristige Wassersicherheiten zu gewährleisten. Ein zukunftsgerichteter Ansatz, der sowohl kurz- als auch langfristige Maßnahmen umfasst, ist entscheidend, um den kommenden Generationen eine stabile und nachhaltige Ressourcennutzung zu ermöglichen.
Fazit – Aktiv zu mehr Ressourceneffizienz beitragen
Die Anpassung unserer Wassernutzung an den tatsächlichen Bedarf ermöglicht uns nicht nur eine ressourcenschonendere Zukunft, sondern bietet zudem erhebliche ökonomische Vorteile. Dazu gehört ein bewusster Umgang mit Trinkwasser ebenso wie die stärkere Integration von Brauch- und Regenwassernutzung. Mit den technischen Möglichkeiten von heute und dem fundierten Wissen gemäß den DVGW-Richtlinien können wir die Wasserversorgung nachhaltiger und effizienter gestalten. Es liegt an uns, diesen Weg aktiv zu gestalten und damit einen wichtigen Beitrag für kommende Generationen zu leisten.
Referenzen
- DIN EN 806-Serie: Anforderungen an die Trinkwasserinstallation
- DVGW-Arbeitsblatt W 551: Technische Regelwerke für Rohrleitungssysteme und Sanitärobjekte
- Trinkwasserverordnung (TrinkwV): Gesetzliche Vorgaben zur Sicherung der Trinkwasserqualität
- „Hybrid-Ansatz“: Kombination von zentraler Trinkwasserversorgung und dezentralen Wassernutzungssystemen.
- Regenwasser Plus: System
Über unseren
Autor
Dipl.-Chemieing. (FH) Burkhard Bittner
Prokurist und leitender Planungsingenieur der PfK Ansbach GmbH, über 20 Jahre Erfahrung in der Planung von Wasserversorgung für Gemeinden, Städte und Zweckverbände, Dozent in der beruflichen Bildung.
Seine Steckenpferde: Nachhaltige und bedarfsgerechte Wasserversorgung, Strukturkonzepte, Innovative sowie verfahrens- und energieeffiziente Aufbereitungstechnologien, Beratung in betrieblichen Fragen bis zur Risikoanalyse
Dipl.-Chemieing. (FH) Burkhard Bittner
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